Gewalt in der Spitex

Gewalt in der Spitex: Warum das Zuhause kein sicherer Ort per se ist

Ambulante Pflege zwischen Fürsorge und Risiko
Das eigene Zuhause gilt als Ort von Sicherheit, Privatsphäre und Kontrolle. Für Spitex-Pflegefachpersonen ist es jedoch zugleich ein Arbeitsplatz – und dieser unterliegt anderen Dynamiken als eine Institution.
Gewalt in der Spitex ist kein Randphänomen. Studien aus der Schweiz, unter anderem von der Berner Fachhochschule, zeigen, dass ambulant tätige Pflegefachpersonen regelmässig mit verbaler Aggression, Drohungen und auch körperlichen Übergriffen konfrontiert sind.
Der Unterschied:
Sie sind häufig allein.

Warum das häusliche Setting besondere Risiken birgt

1. Das Hausrecht liegt bei den Klient:innen
Im Gegensatz zum Spital oder Pflegeheim betreten Pflegefachpersonen einen fremden, privaten Raum.
Dort gelten:
* individuelle Regeln
* familiäre Dynamiken
* persönliche Spannungen
* unausgesprochene Konflikte
Die professionelle Rolle der Pflegefachperson trifft auf das Autonomieempfinden der Klient:innen – ein Spannungsfeld, das Konfliktpotenzial birgt.

2. Keine unmittelbare Teamunterstützung
In stationären Einrichtungen kann bei Eskalationen rasch Unterstützung geholt werden.
In der Spitex hingegen bedeutet ein Hausbesuch oft:
* Alleinarbeit
* eingeschränkte Rückzugsmöglichkeiten
* verzögerte Intervention
Diese strukturelle Isolation erhöht das subjektive Unsicherheitsgefühl – selbst bei „nur“ verbaler Aggression.

3. Nähe schafft Verletzlichkeit
Ambulante Pflege ist Beziehungsarbeit.
Sie findet in sehr intimen Lebensbereichen statt:
* Körperpflege
* Krankheitsbewältigung
* existenzielle Krisen
* finanzielle oder familiäre Belastungen
Nähe kann Vertrauen fördern – aber auch Überforderung, Scham, Kontrollverlust oder Abwehrreaktionen auslösen.
Gerade bei kognitiven Einschränkungen, etwa bei Demenz, können Angst oder Verwirrung in aggressive Verhaltensweisen umschlagen.

4. Angehörige als zusätzlicher Stressfaktor
Nicht selten erleben Spitex-Mitarbeitende Druck durch Angehörige:
* unrealistische Erwartungen
* Schuldgefühle
* Überlastung
* Konflikte innerhalb der Familie
Pflegefachpersonen geraten dabei in eine vermittelnde Rolle – ohne formelle Autorität im privaten System.
Auch hier entstehen Situationen verbaler oder emotionaler Grenzüberschreitungen.

Formen von Gewalt im Spitex-Alltag
Gewalt zeigt sich nicht nur körperlich. Häufiger sind:
* abwertende Bemerkungen
* sexuelle Anspielungen
* Drohungen
* Einschüchterung
* absichtliche Missachtung professioneller Grenzen
* gezielte Manipulation
Solche Vorfälle werden oft bagatellisiert – mit Sätzen wie:
„Das gehört halt dazu.“
„Er meint es nicht so.“
„Sie ist eben krank.“
Doch wiederholte Grenzverletzungen wirken – psychisch wie körperlich.

Warum Gewalt in der Spitex oft unsichtbar bleibt
Es gibt mehrere Gründe, weshalb Vorfälle selten gemeldet werden:
* Angst, als „nicht belastbar“ zu gelten
* Schuldgefühle
* Unsicherheit bezüglich Meldewegen
* fehlende Standards
* Zeitdruck
Hinzu kommt eine ausgeprägte Berufsethik:
Pflegefachpersonen stellen die Bedürfnisse der Klient:innen häufig über ihre eigene Sicherheit.
Das Risiko: Gewalt wird normalisiert.

Gewaltprävention beginnt mit Realitätsanerkennung
Der erste Schritt in der Prävention ist nicht Technik, sondern Haltung:
Das Zuhause ist kein per se sicherer Ort für Pflegefachpersonen.
Es ist ein Arbeitsumfeld mit spezifischen Risiken.
Diese anzuerkennen bedeutet nicht Misstrauen – sondern Professionalität.

Was Organisationen daraus ableiten sollten
Eine verantwortungsvolle Spitex-Organisation braucht: * klare Meldewege
* transparente Dokumentationsstandards
* Schulungen zur Deeskalation
* Risikoabwägung vor Hausbesuchen
* Führungskräfte, die Vorfälle ernst nehmen
* eine offene Gesprächskultur
Gewaltprävention ist kein Zeichen von Schwäche – sondern Ausdruck von Qualitätsbewusstsein.

Fazit: Sicherheit ist kein Zufall
Ambulante Pflege bewegt sich in einem sensiblen Spannungsfeld zwischen Autonomie der Klient:innen und Schutz der Mitarbeitenden.
Professionelle Spitex-Arbeit bedeutet auch:
* Risiken erkennen
* Grenzen benennen
* Mitarbeitende stärken
* Strukturen schaffen
Denn nur wer sich sicher fühlt, kann gute Pflege leisten.

Hier eine Kostenlose Checkliste: Risikoeinschätzung vor dem Hausbesuch (Spitex & ambulante Pflege)
⬇ Download die Checkliste

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